Open Up – der Eurovision Song Contest 2021 in Rotterdam

Open Up

Open Up – selten war das Motto eines Eurovision Song Contests so passend wie in diesem Jahr. Weltweit sehnen sich die Menschen nach einem Ende der durch die Pandemie bedingten Einschränkungen. Und der Hunger nach Kultur, Spaß, Reisen, Begegnung und Tanz war selten stärker – all jene Dinge, die die Fans des Musikspektakels als dessen ureigenste Merkmale ansehen und zelebrieren.
Im vergangenen Jahr mussten nicht nur die Fans auf all das verzichten, sondern auch die vorgesehenen Interpret:innen erlebten durch die Absage des ESC eine gewaltige Enttäuschung.
Die Gastgeberstadt Rotterdam musste ihre Planungen begraben und die ESC-begeisterten Niederländer:innen erlebten eine herbe Enttäuschung.

Planungen

Weder die EBU (European Broadcasting Union) noch Rotterdam wollte diese Enttäuschung wiederholt erleben. Deshalb bereiteten sie sich in diesem Jahr auf unterschiedliche Bedingungen vor. Die denkbaren Szenarien reichten von einem Contest wie gewohnt bis hin zu einem reinen Studio-Wettbewerb, bei dem alle Künstler:innen lediglich mit eingereichten, zuhause produzierten Beiträgen vertreten sein sollten.
Entschieden haben sich die Verantwortlichen von EBU, Gastgeberstadt und der niederländischen Regierung im April für das sogenannte Scenario B, das einen Contest in Rotterdam unter speziellen Corona-Bedingungen vorsah, also ein socially-distanced ESC.

Socially-distanced ESC

In Kürze zusammengefasst umfasst dieses heute gültige Szenario folgende Bedingungen:

  • Der ESC findet real und live in der Ahoy-Arena in Rotterdam statt.
  • Die anreisenden Delegationen unterliegen strengen Bestimmungen zur Einhaltung Corona-bedingter Auflagen. Dazu gehören regelmäßige Testungen sowie die Verpflichtung, sich nur zwischen den dazu vorbestimmten Hotels und dem Veranstaltungsort ausschließlich mit Shuttles des Veranstalters zu bewegen, sowie weitere Hygiene- und Abstandsregeln.
  • Sowohl die anreisenden Delegationen als auch die Presse sind in der Teilnehmerzahl stark reduziert.
  • Es gibt Publikum in der Halle bei allen Generalproben und Shows, jedoch unter Einhaltung der Abstandsregeln und nach Schnell-Testungen beim Einlass. Pro Show werden nur 20 % der eigentlichen Hallenkapazität zugelassen – das sind 3500 Zuschauer:innen und es gibt ausschließlich Sitzplätze.
  • Als Publikum werden nur jene Zuschauer:innen zugelassen, die bereits 2020 ein Ticket erworben hatten.
  • Akkreditierte Pressevertreter:innen werden vor Ort auf 500 statt der üblichen etwa 2500 Journalist:innen begrenzt. Auch für sie gelten strenge Auflagen und ein Schnelltest vor dem Eintritt ins großzügige, auf Abstand bedachte Pressezentrum an jedem zweiten Tag. Abstands- und Maskenregeln gelten natürlich auch dort.
  • Darüber hinaus findet der ESC virtuell statt. 2000 Journalist:innen erhalten eine Online-Akkreditierung und können sämtliche Proben und Pressekonferenzen von zuhause verfolgen.
  • Es gibt kein reales Eurovision-Village, keine Partys und kein Begleitprogramm vor Ort. Alle Teilnehmer:innen sind aufgefordert, sich außerhalb der Arbeitszeiten am Veranstaltungsort in ihrem Hotel aufzuhalten.

Die Umsetzung

Für uns gab es – ein großes Privileg – eine sogenannte On-Site und eine Online-Akkreditierung. Deshalb werden wir – so der aktuelle Coronatest es zulässt – ab Samstag sowohl aus Rotterdam als auch aus Berlin berichten. Wir haben über diesen Schritt sehr lange nachgedacht, aber das Sicherheitskonzept ist zumindest auf dem Papier sehr überzeugend. Natürlich werden wir abschätzen müssen, wie sicher uns die Lage vor Ort dann tatsächlich erscheint.

Von den in diesem Jahr teilnehmenden 39 Länderdelegationen werden nach heutiger Kenntnis 38 anreisen. Lediglich Australien hat bisher aufgrund der geltenden Reisebestimmungen abgesagt. Ob es dabei bleiben wird, können wir nur hoffen. Der australische Beitrag wurde – wie alle anderen – als Backup-Lösung unter Livebedingungen und unter Aufsicht der EBU vorab aufgezeichnet und wird dann in der Show eingespielt werden. (Dabei handelt es sich nicht um die Videos, sondern um bislang unbekannte, nur dafür aufgezeichnete Auftritte).

Der für die TV-Zuschauer:inen deutlichste Unterschied wird das Fehlen der tanzenden und Fahnen schwingenden Fanmenge vor der Bühne sein. Der ganze Innenraum der Ahoy-Arena wurde als riesiger Greenroom ausgebaut, während das restliche Publikum sich auf den Sitzplätzen im Rund der Arena verteilen wird.

Die Ahoy Arena mit ESC-Ausstattung
Die Arena mit Greenroom Bild: NPO/NOS/AVROTROS Nathan Reinds

Am Veranstaltungsort selbst werden die Unterschiede offensichtlicher sein: zwar sehen wir auf Bildern aus Rotterdam bereits jetzt ein City-Branding, wie beispielsweise Fahnen und mit dem ESC-Logo versehene Taxis und Busse, aber der übliche Touristenansturm und die Volksfeststimmung werden leider fehlen.
Zum Ausgleich gibt es für die zuhause gebliebenen Fans ab dem 15. Mai ein virtuelles Eurovision-Village.

Ein neuer Ansatz zu Event-Kultur unter Corona-Bedingungen

Ein Publikumsevent – die größte Musikshow der Welt – unter Pandemiebedingungen in einem Land, das derzeit als Hochrisikogebiet eingestuft ist, weil die wöchentliche Inzidenz deutlich über 300 liegt und dessen Intensivstationen voll sind – ist dies zu rechtfertigen?

Lassen wir die zu erwartenden Bewertungen derer, die den ESC schon immer als überflüssiges Mainstream-Spektakel betrachten und ihn eh wie die GEZ-Zahlungen am liebsten vom Bildschirm verbannen würden, einmal außer Acht – ebenso all jene Hater, die ihn angeblich nie ansehen, aber bestens darüber Bescheid wissen und in allen Kommentarspalten mitreden. Doch auch bei uns und allen Fans bleibt ein Rest Bauchschmerzen angesichts der Planungen.

Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Niederlande in der Pandemie seit langem einen deutlich anderen Kurs fahren als wir hier in Deutschland. In vielen Punkten erscheint uns dies unverständlich, aber im Umgang mit Großevents und Kultur, die bei uns bislang vollkommen unter den Tisch gefallen sind, ist der niederländische Ansatz liberaler und lösungsorientierter.

Das FieldLabs-Konzept

Schon seit geraumer Zeit gibt es dort verschiedene Feldversuche, wie solche Events, insbesondere der Jugendkultur, auch unter den derzeitigen Umständen eine Chance zurückbekommen können. Dieses unter dem Namen Fieldlab Events bekannte Konzept ist eine Zusammenarbeit der niederländischen Regierung und der dortigen Eventbranche. Sie wird wissenschaftlich von Professor Andreas Voss und unter anderen der TU Delft und der Breda University of Applied Sciences (BUas) betreut und durchgeführt. Während bei uns in Deutschland solche Versuche bisher rar sind und sich hauptsächlich auf Tourismus und Gastronomie ausrichten, wird in den Niederlanden versucht, Perspektiven auch für den Eventbreich zu entwickeln.

Ein Besuch des niederländischen Königs Willem-Alexander am Veranstaltungsort unterstrich die Wichtigkeit und das Prestige dieses Vorzeigeobjekts.

Ein Modell für die Zukunft

Auch für die durchaus als kommerziell zu bezeichnende EBU dürfte das diesjährige Modell interessant sein. Downsizing, also die Verkleinerung der den Wettbewerb begleitenden Rahmenbedingungen geistert seit Jahren immer wieder durch die Agenda.
Deshalb könnte gerade die Einschränkung der Zahl der Akkreditierungen und die Verlagerung auf das Home-Office für Presse und Fan-Presse für die EBU und für künftige, eventuell auch kleinere Austragungsorte eine vielversprechende Variante sein.

Martin Österdahl, verantwortlicher Supervisor des ESC bei der EBU, freute sich auf jeden Fall über die Planungssicherheit:

„Wir sind glücklich, dass die holländischen Behörden es uns möglich gemacht haben, Publikum bei den […] Shows […] in Rotterdam auf die sicherste denkbare Weise, die derzeit möglich ist, willkommen zu heißen.
Die Welt wird dabei zusehen, wie wir den Eurovision Song Contest […] zurückbringen und Millionen werden am TV und online den Wettbewerb verfolgen. Wir sind zufrieden, dass die harte Arbeit der Künstler, Delegationen und der Crew mit einem Live-Publikum in der Ahoy Arena stattfinden kann.“

Und auch die Stadt Rotterdam versucht zumindest virtuell, für sich als hippes und cooles touristisches Ziel in der Zukunft Werbung zu machen.

Es liegen in jedem Fall spannende 15 Tage vor uns!

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