Warum Solidarität keine Gefahr für den Eurovision Song Contest darstellt – ein Kommentar

Gibt es vorab feststehende Sieger?

Glaubt man den Wettbüros, gibt es beim ESC in Turin schon jetzt einen klaren Sieger: mit großem Abstand liegt das Kalush Orchestra aus der Ukraine auf dem ersten Platz.

Zum einen kommt die typische Mixtur aus Folklore mit modernen Elementen gut an. Und zum anderen ist aufgrund des Angriffskrieges gegen die Ukraine mit einer hohen Solidarität des restlichen Europas zu rechnen. Denn natürlich ist der ESC alles andere als unpolitisch.

Leider erleben wir bereits seit einer Woche , dass in den Kommentaren von Fanforen großes Wehklagen herrscht – nicht zuletzt weil viele etablierte Medien die Buchmacher-Platzierung als feststehende Wahrheit wiedergeben.

Aber im Gegenteil kann gerade ein zu früh als sicher geglaubter Sieg zu großen Überraschungen führen. Wer ruft schon für jemanden an, der bereits als Sieger feststeht?

Es gibt keinen unpolitischen ESC

Andererseits muss endlich Schluss sein mit der Fabel vom unpolitischen ESC. Seit wir vor 13 Jahren begonnen haben, über den Song Contest zu berichten, haben wir immer die Finger in die Wunden dieser Argumentation gelegt. Wie sollte ein internationaler Contest überhaupt unpolitisch sein können? Jede Interaktion zwischen Ländern und deren Bewohner:innen hat eine politische Dimensionen.
Gerade der Ukraine einen noch gar nicht feststehenden Sieg im Vornherein madig zu machen, ist selbst im Augenblick das größte Politikum!
Es waren immer wieder dubiose Profile in Fanmedien, die bereits 2016 nach Jamalas Sieg für die Ukraine den Sieg einer großartigen Sängerin mit einem großartigen Lied und einer punktgenauen Inszenierung versuchten, als politisches Geschenk in Reaktion auf die Krimannexion umzudeuten.
Genau dies soll jetzt anscheinend wiederholt werden.

Natürlich ist das Kalush Orchestra ein Favorit

Zu den Fakten: Kalush Orchestra belegte bereits vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine den fünften Platz bei den Buchmachern. Das liegt daran, dass die Ukraine es seit Jahren versteht, Folklore und Tradition mit Moderne zu verbinden. Wenn heute Abend Kateryna Pawlenko die Punktevergabe aus der Ukraine verlesen wird, sollten wir uns erinnern, dass sie auch im letzten Jahr mit Go_A den fünften Platz belegt hat.

Die ukrainische Band Kalush Orchestra würde auch in jedem anderen Jahr erfolgreich und vermutlich in den Top-5 abschneiden – davon sind wir überzeugt.

Was passiert denn nun Schlimmes, wenn Kalush Orchestra heute Abend gewönne? Selbst wenn es aus Solidarität und Mitgefühl passiert? Widerspräche das etwa wirklich dem Grundgedanken des ESC: Völkerverständigung innerhalb Europas?

Solidarität und Mitgefühl sind Grundlagen für Völkerverständigung

Was wäre fatal daran, wenn Europa geschlossen Herz und Mitgefühl sowie Solidarität zeigen würde?

Wir als Europäer erklären seit Wochen unsere Bereitschaft, auch selbst Opfer zu bringen und ringen um richtige Wege zu einem Frieden und zur Wiederherstellung der Souveränität der Ukraine. Aber ausgerechnet ein Sieg beim Song Contest soll nun die Grenze der Mitmenschlichkeit und Humanität darstellen?!

Nein. Hier verstehen wir den Fanatismus mancher Fans nicht mehr. Was trüge mehr zur Völkerverständigung in Europa und zu einem Gefühl der Einigkeit bei als gemeinsames solidarisches Handeln?

Stefania war der Titel, den wir schon im ukrainischen Vorentscheid für den besten gehalten hatten – aber jetzt würden wir uns die Finger wund wählen, könnten wir aus Turin abstimmen.

Solidarität schadet dem ESC keinesfalls, die Diskussionen über einen geschenkten Sieg jedoch schon!

3 Antworten auf „Warum Solidarität keine Gefahr für den Eurovision Song Contest darstellt – ein Kommentar“

  1. woowww. Vielen Dank für diesen großartig Beitrag. Wie immer sachlich betrachtet und Spiegel der Meinug vieler.

    In der Tat müssen wir aufhören zu denken der ESC ist unpolitisch. Allein der vielen unterschiedlichen Kulturen und dem Fakt geschuldet das wir bewerten. Aber das ist auch gut so.

    Ich liebe den song und wie die vielen Jahre zuvor versteht es die Ukraine, moderne und Tradition in ihren Beiträgen zu verbinden und suchen nicht wie viele andere Länder auf Krampf den einen Song den alle mögen. Dafür feier ich sie und bin ganz euer Meinung.

    Meine Bedenken vom Beginn an war es tatsächlich das der tolle Song kleingeredet wird und es heißt „die gewinnen ja nur wegen dem Krieg“. Das wäre unfair und u passend.

    Ich drücke die Daumen und freue mich auf einen tollen Abend. Seit gedrückt und gegrüßt. Danke für die tolle Arbeit.

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