Sicherheit beim ESC – EBU schreibt Netanjahu

Am 1. April sollten die Aufbauten im Expo-Pavillon in Tel Aviv für den Eurovision Song Contest im Mai beginnen. Doch wegen ausstehender Zahlungen seitens der israelischen Regierung weigert sich die Polizei, eine dringend erforderliche Überprüfung für die Sicherheit beim ESC durchzuführen. Die European Broadcasting Union (EBU) zeigt sich entsetzt.

Kein Aprilscherz:  Umbauarbeiten in Tel Aviv verzögern sich

Es gibt Nachrichten, die wir weder am 1. April noch sonst irgendwann lesen möchten. Doch es handelt sich um keinen makabren Aprilscherz, der die Fans heute aufrüttelt, sondern um traurige Gewissheit: Kompetenz- und Zuständigkeitsgerangel innerhalb dreier Ministerien der israelischen Regierung haben dazu geführt, dass bereits zugesagte Zahlungen an die austragende TV-Anstalt KAN nicht geleistet wurden. Bereits vor Tagen war durchgesickert, dass das zwischen der EBU, KAN und der israelischen Regierung ausgehandelte Finanzierungskonzept von Seiten der sich im Wahlkampf befindendenden israelischen Regierung nicht erfüllt wurde. Die immer bestens informierte Fan-Website esckaz.com hatte wiederholt von Problemen berichtet.

Aktuell geht es um das Budget für Tel Avivs Sicherheitskonzept. Das Finanzministerium, das Tourismusministerium und das für Rundfunkanstalten zuständige Kommunikationsministerium streiten um die Zuständigkeit. Deshalb hat das Sicherheitsministerium die ihm unterstellte Polizei angewiesen, die notwendigen Überprüfungen nicht durchzuführen, bis die Zahlung erfolgt ist. Es geht um die sogenannte „K9-Sprengstoff-Suche“.
Solange diese Untersuchung an der Halle und den für Um- und Aufbauten benötigten Materialien nicht erfolgt ist, dürfen die Umbauarbeiten auf dem Expo-Gelände in Tel Aviv nicht beginnen.

Bereits gestern hatte die Produzentin der diesjährigen Show Zivit Davidovitch auf Facbook eine Aufnahme der leeren Veranstaltungshalle gepostet und geschrieben: „Ich schäme mich für mein Land. Der Expo-Pavillon – leer aufgrund eines Streiks der Polizei gegen den Event.“

 

Die Zeit drängt

Nach 10 Jahren beim ESC wissen wir, wie eng die zeitlichen Planungen sind. in knapp 50 Tagen findet das Finale des Song Contests statt, doch die Proben beginnen in der Regel bereits Wochen zuvor.
Nicht nur dieser enge Zeitplan gerät nun in Verzug, sondern weitere und größere Probleme müssen befürchtet werden, wenn das Kompetenzgerangel innerhalb der israelischen Regierung andauert.
Und auch der verantwortliche Sender KAN fühlt sich bereits seit längerem finanziell im Stich gelassen. Bereits am 27. März hatte der Direktor des israelischen Senders Alarm geschlagen, weil die Regierung alle Kosten für „Sicherheit außerhalb des Veranstaltungsortes“ auf die TV-Anstalt abwälzen will. Die EBU zeige sich darüber höchst besorgt, hatte er an das Tourismusministerium geschrieben .

Auch außerhalb der Halle ist viel geplant – mit diesem Flyer warb Tel Aviv auf der ITB
Der Brandbrief der EBU

Heute hat die EBU nun reagiert und einen Brandbrief an Premier Netanjahu geschrieben, der in israelischen Medien veröffentlicht wurde. (PDF zum Nachlesen).

Die für äußerste Zurückhaltung in allen politischen Fragen bekannte EBU droht damit in ungewohnt deutlicher Weise. Der vom ESC-Supervisor Jon Ola Sand und dem Vorsitzenden der Reference-Group Dr. Frank-Dieter Freiling (ZDF) unterzeichnete Brief verweist offen und ausdrücklich auf Zusagen, die der Ministerpräsident im Oktober gemacht habe: „Sie haben persönlich zugesagt, dass der Eurovision Song Contest ein Ereignis von nationaler Bedeutung ist, für das die Sicherheit in den Zuständigkeitsbereich des Staates fällt“.

Jede weitere Verzögerung werde „signifikante Folgen“ für den termingerechten Start der Proben haben.

Die Ankündigung, die 41 beteiligten Delegationen über die Probleme in Kenntnis zu setzen, kann schon als äußerste Form der Drohung verstanden werden: „Angesichts der jüngsten Ereignisse in Tel Aviv“ sei dies eh schon eine „delikate Frage“ für viele Delegationen. – Damit dürfte die EBU auf die veränderte Sicherheitslage der vergangenen Woche durch Raketenbeschuss und israelische Gegenmaßnahmen anspielen. Offensichtlich werden Fragen nach der Sicherheit beim ESC innerhalb der EBU lauter. Die Diskussion um die Finanzierung des Sicherheitskonzeptes werde Zweifel und Bedenken anheizen.

Aufforderung zu sofortigem Handeln

Wir vertrauen darauf, dass Sie an Ihrer Verpflichtung festhalten werden, und fordern Sie daher dringend auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen“ fordert der Brief Ministerpräsident Natanjahu auf.
„Wir stehen Ihnen heute jederzeit telefonisch zur Verfügung, da die Folgen für den Eurovision Song Contest und Israel katastrophal sein können“ endet der Hilferuf der EBU, der zwischen den Zeilen gelesen eine deutliche Warnung enthält, die EBU könne die Show im Mai verlegen.
Seit 2017 in Kiew ist bekannt, dass die  EBU einen dauerhaften Back-Up-Plan bereithält, die Show als reine TV-Show ohne das Drumherum an öffentlichen Proben und Fan-Events auch kurzfristig verlegen zu können.

Doch selten drangen Einzelheiten der EBU-Diplomatie an die Öffentlichkeit. Dies ist für die Fans des Song Contests eine besorgniserregende Entwicklung – von allen anderen aktuellen Sicherheitsfragen abgesehen…

UPDATE (22:40 h): Aufatmen – die EBU-Intervention hat wohl gewirkt. Laut ESCKAZ hat das Büro Netanjahus die ausstehenden Zahlungen bewilligt. Fortsetzungen werden bestimmt folgen.

 

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