Shabbat Shalom – der ESC 2019 hat begonnen

Mit dem heutigen Samstag hat der ESC 2019 in Tel Aviv nun wirklich begonnen – am heiligen Shabbat, was viele Orthodoxe hier im Land auf die Palme bringt.

Austragungsort unter Kritik – Orthodoxie, Boykott und Preispolitik

Tatsächlich steht der diesjährige Song Contest unter starker Kritik dreier verschiedener Fraktionen:

Innerhalb Israels ist die Veranstaltung mit ihrer Ausrichtung auf Vielfalt und Toleranz den orthodoxen Kräften schon lange ein Dorn im Auge. Immerhin hat es die EBU geschafft, den Contest nach Tel Aviv zu bringen, dem wohl liberalsten und säkularsten Teil Israels. Hätte er wie von Regierungsseite erwünscht in Jerusalem stattgefunden, wären die Probleme wohl größer gewesen…Proben am Shabbat undenkbar.

Von außerhalb prasseln in diesem Jahr Boykottaufrufe und massive Kritik am Austragungsort auf den Song Contest ein. Medienwirksam mit profilierten Musiker*innen in ihren Reihen mobilisiert die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) gegen die Ausrichtung des Contests durch Israel – momentan richtet sich ihre Kampagne vor allem gegen Madonna, die mit einem Shitstorm in den sozialen Medien bewegt werden soll, auf ihren geplanten Finalauftritt am 18. Mai zu verzichten. Wir müssen hier jetzt nicht abschließend klären, ob die BDS-Kampagne nun tatsächlich antizionistisch ist, wie sie sich selbst sieht, oder eben doch durch und durch antisemitisch. Dennoch seien zwei Hinweise erlaubt: den Contest zu boykottieren arbeitet bestenfalls den orthodoxen und reaktionären politischen Kräften Israels zu. Und: wo waren die Boykottaufrufe, als der Contest in Aserbaidschan und Moskau stattfand? Warum richtet sich die Kritik ausschließlich auf Israel?!

Und drittens die Kritik der Fans an der Preispolitik des diesjährigen Contests. Das allerdings ist wirklich tragisch. Viele Tickets zu den Proben sind noch nicht verkauft und viele Stammbesucher*innen des ESC bleiben in diesem Jahr zuhause, weil Ticketpreise in Kombination mit den Hotel- und Lebenshaltungskosten für viele unerschwinglich sind. Das führt dazu, dass ausgerechnet die Stadt, die sich so unbandig auf die Ausrichtung ´gefreut und ein Fan- und Kulturprogramm auf die Beine gestellt hat, das es so bisher noch nicht gab, nun vermutlich mit weniger Besucher*innen auskommen muss als die letzten Austragungsorte – und das hat mit den Boykottaufrufen natürlich rein gar nichts zu tun.

Anflug auf Tel Aviv | Foto: Martin Schmidtner

Sonnenschein und Optimismus

Wir haben jedoch keine Kosten und Mühen gescheut, um gerade hier in Tel Aviv dabeisein zu können. Nicht ohne Bauchschmerzen, denn die ersten Proben zu genießen, während 30 km entfernt von Tel Aviv gerade wieder gegenseitiger Raketenbeschuss stattfindet, ist mehr als nur befremdlich.

Doch davon war gestern nichts zu bemerken: Tel Aviv begrüßte uns mit strahlendem Sonnenschein und viel Augen- und Gaumenschmaus: am sagenhaft schönen Stadtstrand und der zugehörigen Promenade feirten die zahlreichen Anhänger des Hedonismus den beginnenden Shabbat mit ganz und gar unorthodoxem Körperkult und an jeder Ecke duftete es nach den kulinarischen Köstlichkeiten der orientalischen Küche und diversen Rauchwaren.

Der Stadtstrand Tel Avivs | Foto: Marc Schulte

Viel ist vom ESC noch nicht in der Stadt zu sehen. Das Citybranding ist wohl erst auf die Finalwoche ausgerichtet. Doch erste Shuttlebusse durchqueren schon die Stadt und der Taxifahrer, den wir aufgrund des heutigen Shabbats (keine öffentlichen Verkehrsmittel!) benötigten, kannte und fand sofort den richtigen Zugang zum Pressezentrum – das haben wir noch nirgendwo so erlebt und spricht für gute Schulung.

Viele dachten, die Proben würden erst morgen beginnen, doch aufgrund des Feiertags Jom haSikaron am kommenden Mittwoch begannen die ersten Rehearsals heute. Ein wenig entsetzt sind wir hier von der EBU, die es bislang nicht fertigbrachte, das Medienhandbuch und den vollständigen Probenplan online zu stellen.

Ein Blick ins Pressezentrum | Foto: Andres Putting (EBU)
Ein Blick ins Pressezentrum | Foto: Andres Putting (EBU)

Dagegen klappte bei der Akkreditierung alles wie am Schnürchen. Die Akkreditierung und das Pressezentrum werden von extrem freundlichen Helfer*innen betreut und wie fast immer klappte die erste Übertragung der Proben aus der Halle auf die Screens des Pressezentrums nicht. Doch dies hat Tradition und muss daher fast schon als gutes Omen betrachtet werden.

Für leibliche Gnüsse ist ebenso gesorgt, wie für Liegestühle für die Mittagspause. Leider alles recht kostspielig….

Die ersten Proben

Die ersten vier Tage dürfen wir noch nicht in die Halle, sondern können die Proben nur via Screening verfolgen. Bei Tamta, die für Zypern mit dem Song Replay an den Start geht, funktionierte der Ton noch nicht. Über Gesang, stimmliche Qualität und Gesamtwirkung können wir also frühestens bei der zweiten Probe am nächsten Donnerstag berichten, doch visuell war alles zu sehen…nun ja: fast alles, was die knappe Corsage der Künstlerin angeht, die viel mit ihrem blonden Haar spielt, den Kopf in die eine und andere Richtung wirft und von 4 Tänzern umgarnt wird, die unter breiten Hutkrempen a la Zorro den ersten Kostümwechsel des Jahrgangs zelebrieren, wenn sie ihr Jacket ausziehen und darunter Netzhemdchen mit strassbesetztem Harness tragen.

Tamta aus Zypern | Foto: Thomas Hanses (EBU)
Tamta aus Zypern | Foto: Thomas Hanses (EBU)

Tschechien kommt zwar erst später im ersten Halbfinale, hat aber den Probenplatz mit Montenegro getauscht und so sind die ersten Töne, die wir heute hören, von Lake Malawi. Friend of a Friend heißt ihr Titel und die Jungs überraschen mit frischem Enthusiasmus. Alle drei stehen in verschiedenfarbigen (Tür?-)Rahmen und die Kameraregie spielt munter mit einer wechselnden Anordnung der Rahmen auf dem Screen. Wir sind anfangs positiv überrascht, aber der Song ohne wirkliche Höhepunkte dauert lang und der etwas aufgesetzt wirkende verbale Kontakt mit dem Publikum („We are Lake Malawi from Czech Republic„) ist eher kontraproduktiv.

Hoffentlich nicht wieder eine Verletzungsfalle für Tschechien: Lake Malawi | Foto: Andres Putting (EBU)
Hoffentlich nicht wieder eine Verletzungsfalle für Tschechien: Lake Malawi | Foto: Andres Putting (EBU)

Leichtes Entsetzen bei Finnlands erster Probe: Darude feat. Martin Rejman mit Look Away starten mit stimmlichen Koordinationsproblemen, die aber schnell ausgeräumt sind. Doch die Performance mit Ausdruckstänzerin hinterlässt wenig Wirkung.

Darude feat. Sebastian Rejman | Foto: Andres Putting (EBU)
Darude feat. Sebastian Rejman | Foto: Andres Putting (EBU)

Ähnliches bei Polen: der erste Auftritt von Tulia mit Fire of Love bleibt statisch und uninspirierrt. Die Gewänder wirken etwas wie eine aufgemotzte unauthentische Phantasie-Tracht und das Publikum erfährt durch das Staging keinerlei Hilfe bei der Frage, warum es denn von den vier Damen so dermaßen angeschrien wird.

Und schon ist Mittagspause und der erste Probenblock geht zu Ende.

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