Rotterdam 2021 – Aufreger und Skandälchen

Was wäre ein Song Contest ohne Aufreger und Skandälchen? Zeit für uns, hier die aktuellen zusammenzufassen, damit auch unsere Leserinnen und Leser sich ereifern können.

Kritik am Pandemie-Feldversuch

Heftige Kritik am ESC als Pandemie-Feldversuch (wir berichteten) bewegt in dieser Woche niederländische Medien. Sie richtet sich gegen den Ausschluss von über 70jährigen Menschen und solchen mit Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas vom Besuch der Shows.
Etliche ehemalige niederländische ESC-Teilnehmer:innen hatten sich in diversen Medien hier gegen diese Regelung gewandt und sie als diskriminierend gebrandmarkt. Dazu zählen Marga Bult (ESC 1987), Getty Kaspers (Teach-In, Siegerin 1975), Ronnie Tober (ESC 1968), Sjoukje Smit (ESC 1974 und 1980 unter dem Namen Maggie MacNeal) und Ben Cramer, der 1973 den bezeichnenden Titel „De Oude Muzikant“ (Der alte Musiker) sang.

„Ich habe mich ein Jahr lang eingesperrt, einen ordentlichen Abstand gehalten, meine Hände gewaschen und Mundmasken getragen, aber anscheinend werde ich dafür bestraft“ beschwert sich Sjoukje Smit in De Telegraaf. Sie findet die Regeln „lächerlich“.

Durchaus nicht ganz unberechtigt, die Kritik. Wenn der Feldversuch ESC hier als sicher eingestuft wäre, dann gäbe es keine Gründe für Altersdiskriminierung. Aber eine Versicherung traut sich niemand auszusprechen und so will man wohl besonders gefährdete Gruppen dem Risiko nicht aussetzen. Außerdem fallen die Holländer hier dem außenstehenden Beobachter als Masken-Muffel auf. Auch soll innerhalb der Halle der Maskenzwang entfallen – ein Grund für mich beispielsweise, den Shows dort nicht beiwohnen zu wollen.
Aber besonders für bereits Geimpfte stellt dieser Ausschluss natürlich einen ganz und gar unverständlichen Affront dar und die Altersgrenze scheint willkürlich.

Ich wurde nicht eingeladen

Auch die in Deutschland immer populärere niederländische Sängerin und Songwriterin Ilse DeLange, die gerade erst verletzungsbedingt die RTL-Show Let’s Dance verlassen musste, zeigte sich am vergangenen Dienstag erbost über die Organisator:innen des ESC in Rotterdam. DeLange war 2014 mit den Common Linnets zweite beim Kopenhagener Contest geworden. Als ehemalige Coach von Duncan Lawrence überredete sie diesen, seinen Song Arcade zur Auswahl für den ESC 2019 einzureichen und bereitete ihn als Mentorin auf Tel Aviv vor. Sie war also nicht ganz unbeteiligt daran, dass Rotterdam nun den Song Contest austragen darf.
Am vergangenen Dienstag äußerte sie sich jedoch sehr verstimmt darüber, vom Organisationskomitee nicht in die Vorbereitungen eingebunden oder eingeladen worden zu sein. Wie zunächst wiwibloggs innerhalb der Fan-Blase berichteten, sagte sie im niederländischen Programm College Tour:

„Es wäre nett gewesen, wenn sie uns [Duncan und sie selbst] wenigstens auf einen Kaffee eingeladen hätten um mal zu fragen: Möchtest Du irgendetwas beitragen? Das, so denke ich, wäre schon genug gewesen. […Dass sie es nicht getan haben] finde ich extrem schade und ich halte es für unangemessen. Doch wenn ich mich so reden höre, merke ich, dass ich nicht als so eine verbitterte Person rüberkommen will. so in der ‚Oh – ich wurde nicht eingeladen‘-Art„.

Natürlich hat der Chef des holländischen Organisationskomitees Sietse Bakker inzwischen erklärt, das Missverständnis schnell mit Ilse klären zu wollen.

Im vergangenen Jahr war Ilse an der Ersatzshow für den ausgefallenen ESC beteiligt – zusammen mit Michael Schulte

Ilse war allerdings nicht die Einzige: auch Heddy Lester (ESC 1977) zeigte sich „erbost“, keine Einladung fürs Finale erhalten zu haben – Sietse Bakker hat also noch viel zu beschwichtigen.

Niemand kam zur Pressekonferenz

Aufreger in der Fangemeinde: gestern fand eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz per Video-Schalte mit der australischen Teilnehmerin Montaigne statt, die bekanntlich nicht anreisen kann.
In den sozialen Medien kursieren nun Screenshots des menschenleeren Pressekonferenzraums:

Screenshot des Pressekonferenzraums während der australischen Pressekonferenz

Darunter entspinnen sich wüste Beschimpfungen der hier vor Ort Akkreditierten. Es sein eine Brüskierung der Australierin und wenn eine:r schon das Privileg einer Onsite-Akkreditierung erhalten habe, solle er oder sie gefälligst auch seine oder ihre Arbeit machen.
Zwei Dinge werden dabei übersehen:
1) Es handelte sich um eine Online-Pressekonferenz. 1500 Journalist:innen sind online akkreditiert – es besteht keinerlei Zwang oder Verpflichtung, vor Ort anwesend zu sein. Sollte natürlich auch niemand online geschaltet gewesen sein, wäre es ein bemerkenswerter Umstand.
Gerade Medien mit mehreren akkreditierten Vertreter:innen teilen die Arbeit so auf, dass vor Ort beispielsweise Interviews geführt oder die Proben in der Halle verfolgt werden, online dagegen jemand anderes die PKs verfolgt.
2) Die EBU trägt an der Situation eine Mitverantwortung, hat sie doch die PK zu spät bekannt gemacht, als viele hier vor Ort gar nicht im Pressezentrum waren. Es gab auch keinen News-Alert zu dem Thema und viele haben sich genau darüber anschließend auch am Presse-Desk beschwert.

Aber es gibt nun mal kaum radikalere Gruppen als Fanclubs und so müssen die hier Akkreditieren diesen Shitstorm eben aushalten. Generell berichten viele Kolleg:innen, wie sehr sich in diesem Pandemie-Jahr der Umgangston und die Wortwahl gerade in Fan-Postings auf sozialen Medien verschlechtert habe. Viele brauchen momentan anscheinend ein Ventil für Frustration. – Zeit für den deutschen Vertreter Jendrik heute zum ersten Mal auf der Bühne in Rotterdam seine Antwort auf diese Entwicklung zu präsentieren: „I don’t Feel Hate“.

Und das ist es , worauf wir heute vor allem warten!

The Spirit of Eurovision

Nicht alle schimpfen und nicht alle sind verärgert. Gestern Abend traf ich beim Verlassen der Halle fünf Rotterdamer:innen. Sie hatten in den Medien von der Abba spielenden Ampel vor der Ahoy-Arena gelesen und wollten sich nun treffen, um aufgedonnert und zurechtgemacht den Song Contest in der eigenen Stadt einfach mal an dieser Ampel zu zelebrieren.
Tickets für die Shows haben sie keine, ob sie über 70 sind, weiß ich nicht und auch nicht, ob sie Australiens Beitrag kennen – aber sie hatten Spaß, immer wieder tanzend und singend die Fahrbahn zu überqueren und mit dem Ampelmenschchen zu tanzen – das ist der „Spirit of Eurovision“

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