Proben beendet, Song Contest in Tel Aviv feierlich eröffnet

Gestern Mittag beendeten die letzten der 41 Delegationen beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv ihre Proben – abends begann mit dem traditionellen Defilee auf dem „Orangenen Teppich“ der offizielle Teil des Wettbewerbs.

Auf dem Teppich

Zugunsten eines der Hauptsponsoren war es kein Roter Teppich, den die Teilnehmer*innen ab 19 Uhr abschritten, sondern ein schmutziges Orange. Noch bis in die letzten Minuten war er verlegt worden – da reichte wohl die Zeit zum Staubsaugen nicht mehr. Es war überhaupt das erste Mal, dass die Organisation hier in Tel Aviv nahezu versagte. Schon die richtigen Eingänge zu finden war schwierig. Der Einlass öffnete weitaus später als angekündigt. Und die Fans wurden weit weg vom Teppich hinter einen blumengeschmückten Wassergraben verbannt.

Aber auch die geladene Presse stand vor einem Chaos. „Der kürzeste Carpet aller Zeiten“ ist immerhin mal eine originellere Meldung als das übliche größer, höher weiter. Tatsächlich standen aber pro Land den Presseverteter*innen zwischen 1 und 4 Meter Platz entlang des Teppichs zur Verfügung. Im Beispiel Deutschlands waren die mit zwei Kamerateams schon überbelegt.
Das sorgt zwar für Gemütlichkeit und Intimität, aber überall will mann und frau die gar nicht haben.
Wer einen Platz ergattern konnte, überbrückte die Wartezeit mit der Beobachtung hektischer und absolut chaotisch wirkender letzter Vorbereitungen der Organisatoren. Gut, dass wegen der Verkehrslage in der Stadt auch die Delegationen Schwierigkeiten hatten, pünktlich zu 19 Uhr Ortszeit zu erscheinen – so blieb Zeit zum finalen Aufbau.
Einen einmal ergatterten Platz wollte eh niemand verlassen – gut, dass in den ersten drei Stunden noch keine geöffneten Toiletten zur Verfügung standen. So kam mann und frau nicht in Versuchung.

Großes Gedränge in der deutschen Pressedelegation | Foto: Martin Schmidtner
Großes Gedränge in der deutschen Pressedelegation | Foto: Martin Schmidtner

Irgendwann gegen halb Acht begann das per Stream in die Welt übertragene Spektakel und die Delegationen führten ihre Garderoben vor und verbreiteten Zuversicht und gute Laune.
Ab 22:30 Uhr wurden die Künstler*innen in der Stadthalle vom Bürgermeister Tel Avivs begrüßt – die Teppichzeremonie war da noch lange nicht zu Ende. Ausgerechnet nahezu alle Teilnehmer*innen mit Favoritenstatus waren nämlich noch auf dem Teppich geblieben. Es hat sich wohl die Auffassung durchgesetzt, dass das Rennen um den Sieg diesmal sehr eng und überraschend werden könnte, weshalb alle, die laut Buchmachern um die Krone kämpfen, erstaunlich und ungewohnt viel Geduld zeigten: die Delegationen Russlands, Schwedens, der Niederlande, der Schweiz, Aserbaidschans und Italiens machten sich am Ende sogar zum weit entfernten Absperrgitter für Fans auf und schüttelten dort Hände und betrieb Selfie-Posing. Es kommt ihnen scheinbar auf jede Stimme an.

Die Proben

Die ganze vergangene Woche haben alle Teilnehmer*innen an jeweils zwei Tagen Proben auf der Eurovisionsbühne absolviert – manche sogar dreimal, da aufgrund technischer Probleme bei der Umsetzung des geplanten Stagings Proben wiederholt werden mussten.

Die Proben der S!sters

Über die erste Probe der S!sters haben wir berichtet – sie hatte uns sehr ratlos zurückgelassen. Gestern gab es die zweite Probe und damit ein erleichtertes Aufatmen bei uns: der NDR hat Fankritik aufgenommen und das Staging der deutschen Teilnehmerinnen entrümpelt: alles, was wie eine Kopie des vergangenen Jahr gewirkt und den Auftritt überfrachtet hatte, war gestrichen. Die Kamera konzentrierte sich auf Laurita und Carlotta und stellten den Song anstelle eines merkwürdigen Backdrop-Content in den Mittelpunkt.
Das wirkte viel besser und dürfte die Gemüter zuhause beruhigt haben – auch wenn der Song in diesem Jahr sehr spaltet zwischen begeisterten Fans und skeptischen Kritikern.

S!sters bei der zweiten Probe | Foto: EBU
S!sters bei der zweiten Probe | Foto: EBU

Der NDR hat sich mit dem Ausprobieren verschiedener Inszenierungselemente in der ersten Probe keinen Gefallen getan: es erinnerte leider zu sehr an das Luftschlangen-Debakel im Jahr 2014 mit Elaiza. Aber das soll uns bis nach dem ESC nicht weiter beschäftigen. Für die beiden jungen Künstlerinnen waren es sicher belastende Tage, aber jetzt können sie sich hoffentlich auf ihren Song und den Finalauftritt konzentrieren.

Die Proben der Buchmacher-Favoriten

Während oft nach den ersten Proben die möglichen Siegerinnen oder Sieger erahnt werden können, herrscht hier in Tel Aviv Unschlüssigkeit.

Niederlande

Buchmacherfavorit Duncan aus den Niederlanden lieferte zwar bei jeder Probe stimmlich überzeugend ab, verwirrte aber mit einem unbeholfenen Staging. Nun darf gespannt abgewartet werden, ob sein Erfolg bei den Fans im Vorfeld zu einem großen Teil einem der besten Videos zu verdanken war, das je für einen ESC-Song eingereicht wurde, oder ob der zutiefst berührende Song Arcade auch für sich selbst zu überzeugen vermag.

Schweden

Anders lief es für Schweden. John Lundvik überzeugte von der ersten Probe an mit stimmlicher und inszenatorischer Perfektion. Sein Gospelsong Too Late For Love kletterte in den Wettquoten nach oben und viele sehen ihn momentan als den heißesten Favoriten an.

Frankreich

Auch Bilal Hassani kletterte in den Wettquoten nach den Proben nach oben. Er und sein Song Roi stand seit der Nominierung unter Dauerkritik und erntete Shitstorms: Selbstinzenierung und Selbstüberschätzung war ihm vorgeworfen worden – dazu mangelnde gesangliche Fähigkeiten. Aber die Franzosen haben hier bewiesen, dass sich harte Arbeit lohnt. Seit dem ersten Mai proben Bilal und sein Team hier in Tel Aviv täglich – massive Stimmbildung scheint dazugehört zu haben. Wenn wohl auch nie d e r große Sänger aus dem jungen Franzosen werden wird, hört es sich inzwischen sicher und routiniert an. Vor allem aber hat sich die französische Delegation im Vorfeld eine überaus überzeugende Inszenierung ausgedacht, die von Bilal ablenkt und die Botschaft seines Songs eindrücklich und anrührend zu transportieren vermag. Respekt!

Bilal - heute Queen statt König | Foto: Martin Schmidtner
Bilal – heute Queen statt König | Foto: Martin Schmidtner

Russland

Mit Russland muss immer gerechnet werden, vor allem, wenn der Kandidat Sergey Lazarev heißt und Poptitan Kirkorow hinter ihm steht. Nach seinem für ihn enttäuschenden dritten Platz im Jahr 2016 wollte er diesmal unbedingt gewinnen.
Die Proben für ihn und seinen Song Scream liefen routiniert und perfekt ab – mit seinem Bekanntheitsgrad und seiner Fanbase in vielen Ländern steht er natürlich weiterhin weit oben, aber wir halten für einen Sieg den Musical-Song für zu schwach.

Italien

Italien nach den Proben einzuschätzen, fällt schwer. Der Gewinner des San-Remo-Festivals Mahmood war mit Soldi der erste Kandidat auf den Sieg und hielt sich lange an der Spitze. Trotz einer überzeugenden Inszenierung rutschte er aber in den Quoten nach hinten: leider lieferte er stimmlich nicht ab und wirkte fahrig und unkonzentriert. Ob das die Folgen eines Auftrittsmarathons nach seinem San-Remo-Erfolg oder die Auswirkungen einer sehr schweren Grippe sind, vermag momentan niemand zu sagen.

Schweiz

Das ist ein ganz neues Gefühl für die Eidgenossen: beim Kampf um die Spitze mitzuspielen und ernsthafte Chancen zugestanden zu bekommen. Aber Luca Hänni bringt seinen Latino-Schlager She Got Me mit der berühmten Präzission eines Schweizer Uhrwerks. Wir denken: der Mann kann das gewinnen, hätte die Schweiz nur mehr Stammwähler und Nachbarn, die für sie abstimmten!

Schweiz Goes Latino | Foto: Thomas Hanses , EBU

Aserbaidschan

Das muss immer im Auge behalten werden – das Kaukasusland ist immer für einen Überraschungssieg gut. Und Chingiz bringt Truth extrem perfekt rüber, hat Ausstrahlung, aber auch eine etwas überladene Inszenierung. Ist aber sicher oben mit dabei, wenn er so agiert, wie auf der Probenbühne.

Die Außenseiter

Wenn auch nicht für den Sieg, so doch für eine Überraschung gut ist in diesem Jahr Island. Das antikapitalistische Postpunk-Kunstprojekt Hatari überzeugt mit seiner dunklen Dystopie Hatrið mun sigra und wo auch immer die Band sich zeigt oder auftritt, wirkt jeder Blick und jeder Schritt wie jahrelang einstudiert. Die Bühnenshow ist mit Sicherheit die opulenteste in diesem Jahr und wir könnten sie immer wieder sehen und Neues darin entdecken.

Australien verstörte im nationalen Vorentscheid mit Popera und einer verstaubt abgekupferten Inszenierung. Hier jedoch überraschte Kate Miller-Heidke mit einem Augenschmaus an Acting, der nahazu perfekt zum Inhalt des Songs Zero Gravity passt. Wieder mal spielt Australien ganz oben mit.

Was gibt es heute

Neben den Genaralproben und dem Juryfinale für das erste Semi ist der Aufreger des Tages der Ticketverkauf an Fans. Ab heute können die vorbestellten Tickets abgeholt werden und viele haben anscheinend die Zusammensetzung ihrer Ticketpakete nicht richtig verstanden – ein kleines Chaos, das hoffentlich noch überwunden werden wird.

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