Kommentar: ESC und Politik und die EBU

Auch wenn es sich beim Eurovision Song Contest laut Statut um einen vermeintlich unpolitischen Wettbewerb handelt, können wir mindestens einmal pro Jahr einen Blogbeitrag unter dem Titel „ESC und Politik“ veröffentlichen. In diesem Jahr war das gewissermaßen schon vorprogrammiert und bereits gestern haben wir auf die politischen Implikationen verwiesen. Und auch die diversen Anstrengungen der austragenden EBU, diese politischen Implikationen zu umschiffen, haben uns hier schon oft beschäftigt. Was gestern während der Pressekonferenzen zum ersten Probentag geboten wurde, hatte schon teilweise groteske Züge.

„Und täglich grüßt das Murmeltier“ könnten wir die Farce auch benennen, die sich die EBU da einfallen hat lassen: bereits bei der ersten Pressekonferenz – und wohlgemerkt: im Gegensatz zu den Vorjahren handelte es sich gestern um Pressekonferenzen und nicht wie in den Vorjahren um „Meet & Greet“-Zusammenkünfte, was ja doch einen gewissen Anspruch beinhaltet – da wurde die zypriotische Teilnehmerin Tamta von einem israelischen Journalisten gefragt, was die Raketenangriffe im Süden Israels weniger als 50 km von Tel Aviv entfernt, bei ihr auslösen würde? Ob dies eine sinnvolle Frage war oder auch nicht, muss jetzt gar nicht erörtert werden – es war jedoch eine naheliegende Frage, bedenkt man die Stimmung, die jene erneuten Kriegshandlungen bei der Bevölkerung hier ausgelöst haben. Und es war eindeutig eine persönlich gemeinte Frage; es ging um Gefühle der Künstlerin, nicht um eine politische Wertung.

Tamta bekam jedoch keine Chance auf eine Antwort, stattdessen schaltete sich die Moderatorin ein und verwies auf die Sicherheitsgarantien Israels gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern und gegenüber der EBU und endete mit den Worten: „Und da dies nun geklärt ist, können wir uns wieder der Musik zuwenden. Nächste Frage bitte.“ – Bei allem Verständnis für die schwierige Befindlichkeitslage hier im Land fühlten wir uns doch eher an Pressekonferenzen des Weißen Hauses erinnert.

Der israelische Journalist und später ein weiterer Kollege vom israelischen Sender Keschet 12 (Kanal 12) ließen nicht locker und wiederholten die Frage bei den folgenden Pressekonferenzen auch anderen Auftretenden gegenüber.
Und jedes Mal folgte darauf ein „wenn ich dazu kurz etwas sagen darf“ der Moderatorin, die anschließend fast wörtlich immer dasselbe Statement der EBU verlas:

„On behalf of the EBU from Jon Ola Sand: Safety and security is always of paramount importance for the EBU. We continue to work alongside KAN and the Home Front Command to safeguard the wellbeing of everyone working in and joining us at Expo Tel Aviv. We will continue to closely monitor the current situation and rehearsals will continue as normal.“

Auf Deutsch: „Von Jon Ola Sand [das ist der „Executive Supervisor“ der EBU für den ESC] im Namen der EBU: Sicherheit ist für die EBU immer von allergrößter Bedeutung. Wir arbeiten weiterhin mit KAN [der ausführende israelische TV-Sender] und dem Heimatfront-Kommando [für den Zivilschutz zuständiger Teil der israelischen Streitkräfte] zusammen, um das Wohlergehen aller zu gewährleisten, die an der Expo Tel Aviv arbeiten und noch zu uns stoßen werden. Wir werden die aktuelle Situation weiterhin genau beobachten und die Proben werden wie gewohnt fortgesetzt.“

Danach wurde zur nächsten Frage übergegangen und die Künstlerinnen und Künstler konnten gar nicht mehr antworten. Für uns eine völlig überzogene, überhysterische und entmündigende Vorgehensweise, die zum Glück am Ende des langen Tages ausgerechnet durch die weißrussische (!!!) Delegationsleiterin ad absurdum geführt wurde – sie wartete das Statement der Moderatorin ab, doch statt auf die nächste Frage zu warten, antwortete sie, dass es sie betroffen mache, aber sie sich dennoch gut aufgehoben und sicher fühle. Die Serbin Nevena Božović fiel der Moderatorin sogar während des EBU-Statements ins Wort und schnitt sie mit den sinngemäßen Worten ab: „Was? Das wusste ich noch gar nicht. Das habe ich während der Proben heute nicht mitbekommen. Das tut mir sehr leid!“

Die selbstbewusste Nevena Božović mit einer leicht überforderten Moderatorin Sivan Avrahami
Die selbstbewusste Nevena Božović mit einer leicht überforderten Moderatorin Sivan Avrahami | Foto: Martin Schmidtner

Der israelische Journalist rief anschließend mit einer gewisser Genugtun der Moderatorin ein „Es geht doch“ zu – und genau so war es: die Posse hätte sich die EBU ersparen und auf mündige und besonnene Künstlerinnen vertrauen können. Zwar ist das hier keine „Normalsituation“, aber immerhin das dritte Mal innerhalb von 7 Jahren, dass der ESC in einem Land stattfindet, das kriegerischen Angriffen ausgesetzt oder daran beteiligt ist.

Was eigentlich gar nicht geht, ist angesichts der jüngsten Entwicklungen verordnete Sprachlosigkeit! Dare to Dream – hab den Mut zu träumen, fordert das Motto des diesjährigen ESC auf…das wird schwierig werden.

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