Der zweite Probentag – das erste Semifinale ist komplett

In Berlin sind über 25 Grad Celsius angekündigt – doch mein Blick richtet sich nach Rotterdam, wo heute die noch fehlenden neun Teilnehmer:innen des ersten Semifinales ihre ersten Proben haben. 30 Minuten Zeit bleiben, die in der Regel für drei Durchläufe des Liedes genutzt werden. Während der erste Durchlauf nicht gezeigt wird, folgt dann die Übertragung der weiteren Durchläufe online und im Pressezentrum vor Ort auf Bildschirmen. Aufnahmen sind dabei strikt verboten.

Zypern

Die Mittelmeerinsel Zypern macht heute den Anfang und es wird auch in Rotterdam heiß: Denn es geht um den Teufel (El Diablo), dem Elena Tsagrinou ihre Liebe schenkt und ganz von Sinnen ist: Mama mama cita / Tell me what to do / Lola lola loca / I‘m breaking the rules. Mit dieser wenig innovativen Lady-Gaga-Copy-and-Paste Nummer wird man in der Tat gut geweckt. Dazu gibt es auf der Bühne eine aufwändige Morgengymnastikshow der 27jährigen äußerst knapp und rückenfrei in Silber gekleideten Sängerin. Besonders beachtenswert: die eingebaute Brückenfigur, die einen schon beim Zusehen den Rücken schmerzen lässt.

Obwohl Elena Tsarinou von vier Tänzerinnen begleitet wird, springt das Feuer nicht wirklich über; in Gedanken scheint die Sängerin immer schon beim nächsten Schritt zu sein. Und der Song schmeckt eben dann doch schon irgendwie aufgebrüht und abgestanden. Dennoch bohrt er sich ins Ohr.

Bild: EBU / THOMAS HANSES

Norwegen

Nach dem Teufel kommt der Engel – TIX singt Fallen Angel. Als weißer Engel mit ausgebreiteten Flügeln steht er inmitten von vier Dämonen, die ihn mit Ketten festhalten und nicht fliegen lassen wollen. Der Künstlername TIX, den sich Andreas Haukeland gegeben hat, und den er selbstbewusst als Stirnband trägt, stammt aus seiner Schulzeit. Denn der Sänger litt unter den Beleidigungen, die sein Tourette-Syndrom auslösten – so wurde er Tics genannt. Fallen Angel beschreibt die Last, die damit verbunden war: Wie soll sie jemanden wie mich lieben können? Egal, was mein Herz sagt, ich werde niemals hoch hinaus in den Himmel – zu Dir – kommen.

Ein wirklich bewegendes Lied, das viel vom im Norwegen sehr erfolgreichen Sänger TIX erzählt. Und so ist nur zu verständlich, dass er nach der ersten Probe völlig außer Atem war. Und nur am Rande: Das Lied Sweet But Psycho für Ava Max hat er mitgeschrieben.

Bild: EBU / THOMAS HANSES

Kroatien

Die Übertragung der Probe beginnt und plötzlich ist man paralysiert: Albina steht mit ihren langen Beinen und einem mit silbernen Teilen besetzten hautengem hautfarbenen Anzug auf der Bühne und versucht einigermaßen sicher die Stimme zu halten. Dann kommen vier Tänzer und lenken in ihrer scheinbar aus Alu- und Plastikfolien erstellten Pseudo-Raumfahrer-Fetisch-Freizeitbekleidung vom Geschehen ab, doch durch die virtuelle Verfünfachung der Albina ruft sich die Sängerin in Erinnerung.

Diese Inszenierung macht leider den Text des Liedes zunichte: Denn es geht darum, dass Albina sich endlich entschlossen hat, eine schlechte Beziehung zu beenden, auch wenn er bettelt, dass sie nicht gehen soll. Ich befreie mich von Dir. Tick Tock – schau wie die Zeit vergeht – ich habe schon zu viel Zeit verloren. Der kroatisch gesungene Teil klingt um einiges interessanter und rhythmischer als der englisch gesungene.

Bild: EBU / THOMAS HANSES

Belgien

Die vierte Variante von Beziehung kommt an diesem Tag aus Belgien: der missglückte One-Night-Stand. Hooverphonic, eine seit 1995 bestehende Band, präsentiert The Wrong Place, gesungen von Geike Arnaert, die im schwarzen rückenfreien Cocktailkleid, hohen Schaftstiefeln, der rauchigen Stimme und dem leicht zwanghaft-manisch-diabolischen Blick die Zuhörenden in den Bann zieht. Die Band ist um sie herum gruppiert.

Geike singt vom Aufwachen nach jener Nacht und stellt fest, dass im Bett neben ihr der falsche liegt. Du stehst auf, weil du eine Tasse organischen Tee trinken willst und willst nicht dass ich eine rauche. Keine gute Grundlage! Und das ganz spezielle No-Go (im zugehörigen Musikvideo verliert der falsche Mann im Bett deshalb sogar den Kopf, und zwar nicht im übertragenen Sinne): Wage es niemals mein Johnny-Cash-T-Shirt zu tragen.
Gut, dass die Story aus dem Video nicht auf die Bühne transportiert wird – das Staging konzentriert sich auf die Band und endlich sehen wir auch mal wieder die Sänger:innen der unterstützenden Stimmen. Das wirkt und gefällt!

Bild: EBU / THOMAS HANSES

Israel

Und nach der Mittagspause geht es weiter in Sachen Liebe, diesmal mit einer, die gescheitert ist. Eden Alene besingt in ihrem Uptempo-Lied Set Me Free das Gefühl der Befreiung nach dem Ende einer Beziehung: Ja, ich schaffe es allein. Die Inszenierung wirkt wie ein Musical, in dem eine fünfköpfige Security-Gruppe auf ihren Hollwood-Star aufpassen muss. Der Star trägt dazu einen Morgenrock und die fünf Tänzer weiß-schwarze Trainingsanzüge.

Für das Auge wird in der Tat einiges geboten, doch das Ohr wird nicht ganz die unsauberen Melodien ausblenden können. Zum Schluss gibt es neben einem Kleiderwechsel (Weniger ist mehr!) sogar einen Frisurwechsel. Das ist eine Fußnote in den Annalen der ESC-Geschichte wert.

Bild: EBU / THOMAS HANSES

Rumänien

Amnesia – Gedächtnisverlust, für den ESC ein mutiger Titel, denn schnell werden hier Songs vergessen. Doch ROXEN geht es um ein anderes Vergessen – es geht um die Gefahr, dass man vergisst, sich selbst zu lieben – Self Love Amnesia. Ein brisantes Thema! Denn in einer Welt, in der alles schön, chic und toll erscheinen soll, haben Selbstzweifel, Ängste, Depressionen und selbstzerstörerische Elemente kaum einen Platz. Dieses Lied will Mut zusprechen, Hilfe zu suchen, um das dunkle Tal zu durchschreiten.

Und so ist auch die Inszenierung: Ein junges, unglückliches Mädchen kämpft sich im Nebel durch das Leben und wird, fast wie ohne eigenen Willen, bestürmt, bedrängt und hochgehoben. Leider schreit und stößt ROXEN in dieser Probe den Text eher aus, als dass sie die Töne trifft – das ist sehr bedauerlich. Und natürlich beschleicht einen auch das Gefühl, dass hier doch ein wenig auf der Billie-Eilish-Welle mitgeritten werden soll

Bild: EBU / THOMAS HANSES

Aserbaidschan

Im letzten Jahr besang Efendi Cleopatra, durfte aber nicht antreten und singt diesmal eben über Mata Hari – nicht ohne ihren Song vom letzten Jahr gleich zweimal zu zitieren: Just Like Cleopatra. Bei den Auftritten von Aserbaidschan geht es immer in erster Linie um den Show-Effekt, weniger um den Inhalt. Der Agentinnenname Mata Hari der 1917 wegen Hochverrat und Doppelspionage von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilten niederländischen Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle dient daher auch nur als lautmalerisch gut verwendbares Wort.

Das orientalische Ambiente, die eingeblendete gefährliche Kobra und das freizügige Outfit der fünf Frauen auf der Bühne, zusammen mit akrobatischen Bewegungen, lassen die drei Minuten wie im Fluge vergehen. Das Kapitel der Historienlieder beim ESC hat mit Mata Hari einen zweiten Eintrag erhalten – denn bereits 1976 versuchte es Norwegen mit dem Titel Mata Hari und erreichte den letzten Platz mit 7 Punkten. Lediglich jede Menge Pyrotechnik aus dem Land des Feuers haben wir heute noch vermisst.

Bild: EBU / THOMAS HANSES

Ukraine

Aus der Ukraine kommt eine Frühlingsweise der besonderen Art – Shum, was soviel wie ‚Lärm‘ bedeutet, vorgetragen von der Gruppe Go_A: Folklore mit traditionellem ‚weißen Gesang‘ (ein sogenannter Schreigesang), gekoppelt mit harten Technobeats, ein echter Corona-Song.
Denn das absehbare Ende der Pandemie fühlt sich wie der Beginn eines neuen Frühlings an. Die Eisscholle mit verdorrten und verschneiten Bäumen, von der Impulse für einen Neustart ausgehen, befindet sich in der Mitte der riesigen Bühne. Dorthin haben sich Go_A zurückgezogen, während die Welt vor der Pandemie flüchtet.
Das Licht der Sonne wird tänzerisch sehr einladend dargeboten. Und während die Sängerin stoisch und unbewegt ausharrt, steigert sich das Lied bis zum Beginn eines Raves, an dem ich sofort teilnehmen möchte.
Die markante, sichere und eindringliche Stimme der Sängerin Kateryna Pavlenko unterstricht die Botschaft des Liedes: trotz aller bitteren Erfahrungen des Winters kommt ein Frühling! „Hülle dich mit Immergrün ein und säe, säe, säe die Hanfpflanzen an“. Das Säen wird entsprechend in Szene gesetzt. Möge das Grün der Stola der Sängerin sich durchsetzen und die Ukraine sicher ins Finale leiten! Und wie ich soeben aus Rotterdam erfahren habe, gab es bei diesem Lied den bisher größten Applaus im Pressezentrum.

Rave und Lärm mit Schreigesang | Bild: EBU / THOMAS HANSES

Malta

Destiny beschließt den zweiten Probentag mit Je me casse. Bei diesem von Fans heiß geliebten Song geht es darum, dass Frauen die billigen Tricks von Männern sehr schnell durchschauen. Nur weil du ein wenig Haut zeigst, falle ich nicht drauf rein. Und: Denke nicht, wenn du mich betrunken machst, dass du dann eine Chance hast. Der Entschluss steht eh schon fest: Je me casse – ich bin weg. Frauenpower stimmgewaltig dargeboten – ein toller Abschluss des ersten Semifinales.
Doch kann diese Botschaft von einer 18jährigen glaubhaft vermittelt werden? Die Wahl der Kostümfarbe Pink ist leider alles andere als glücklich. Völlig unverständlich ist zudem, dass in einem Lied, in dem es um die Interaktion von Frau und Mann geht, nur Tänzerinnen auftauchen. Die Spitzenposition im Vorfeld des Wettbewerbs hat das Lied durch diese Inszenierung leider verloren.

Pretty in Pink | Bild: EBU / THOMAS HANSES

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